Schwerpunkt
Eltern werden
Das Recht, ein Kind unter selbstgewählten Bedingungen zu bekommen
aus der neuen Schwerpunkt-Reihe zu Reproduktiver Gerechtigkeit
Wer darf Eltern werden - und unter welchen Bedingungen? Für manche Menschen ist die Familiengründung eine Selbstverständlichkeit, für andere ein Weg voller Hürden, Ablehnung und Fremdbestimmung. Unser neuer Fokus widmet sich einem Grundsatz Reproduktiver Gerechtigkeit: das Recht, ein Kind unter selbstgewählten Bedingungen zu bekommen.
Das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit wurde in den 1990er Jahren von Schwarzen Feminist*innen in den USA geprägt. Sie kritisierten, dass sich Diskussionen um reproduktive Rechte meist auf das Recht beschränkten, keine Kinder zu bekommen. Wer dagegen Eltern werden möchte, stößt oft auf ganz andere Hindernisse: Armut, Behinderung, Rassismus und Queerfeindlichkeit entscheiden bis heute, welche Kinderwünsche finanziell, gesellschaftlich sowie politisch anerkannt und unterstützt werden und welche nicht.
Genau hier setzt unser Fokus für den Schwerpunkt an: Es geht um den ungleichen Zugang zu Elternschaft für arme, behinderte, rassifizierte und queere Menschen – etwa wenn Kinderwunschbehandlungen nicht finanzierbar sind, Adoptionen verwehrt werden oder Ärzt*innen Menschen mit Behinderung von einer Schwangerschaft abraten. Es geht auch um Pränataldiagnostik und die Frage, wie ableistische Vorstellungen davon, welches Leben als wünschenswert und lebenswert gilt, Entscheidungen während der Schwangerschaft prägen. Es geht um Eizellspende und Leihmutterschaft und die Frage, wer sich diese Wege zur Elternschaft leisten kann und wer dabei ausgebeutet wird – und auch, wer von der Existenz dieser Wünsche am meisten profitiert. Und es geht um die Geburt selbst: um Fehlgeburten, die oft tabuisiert werden, und um Gewalt unter der Geburt, von der besonders Schwarze Frauen und Frauen of Colour betroffen sind.
Im Hinblick auf all diese Themen haben wir in unserem aktuellen Fokus für Sie Medien rund um das Recht auf selbstbestimmte Elternschaft zusammengestellt.
Nach einer Einführung in das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit (I) behandeln wir ungewollte Kinderlosigkeit und die Frage, wem Elternschaft verwehrt wird (II), den Zugang zu und Finanzierung von Kinderwunschbehandlungen (III), Eizelltransfer und Leihschwangerschaft (IV). Außerdem wird Schwangerschaft von trans*, inter* und nicht-binären Personen (V) thematisiert, welche Rolle Ableismus dabei spielt, welche Kinder und welche Eltern gesellschaftlich erwünscht sind (VI). Der Schwerpunkt wird mit den Themen selbstbestimmtes Gebären und geschlechtsspezifische Gewalt in der Geburtshilfe (VII) abgeschlossen. Die Beiträge sind durch weiterführende Literatur und Hinweise auf Organisationen oder Netzwerke, die zum jeweiligen Thema arbeiten, ergänzt.
Zu einigen Themen haben wir keine empfehlenswerten deutschsprachigen audio-visuellen Inhalte finden können. „Schwangerschaft und Sexarbeit“ und „Rassismus in der Geburtshilfe“ haben wir beispielhaft als Leerstellen benannt und an diesen Stellen auf Texte und Netzwerke verwiesen.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Stöbern!
[Leerstelle] Schwangerschaft und Sexarbeit
Das Stigma gegenüber Sexarbeit wirkt auch in Schwangerschaft, Geburt und beim Schwangerschaftsabbruch. Sexarbeitende berichten von moralisierenden Zuschreibungen in der Versorgung, von fehlender sozialer Absicherung bei Verdienstausfall und von rechtlichen Regelungen, die zusätzlich in ihre Erwerbstätigkeit eingreifen. Zu dieser Perspektive im Bereich Elternschaft fehlt es derzeit noch an empfehlenswerten deutschsprachigen audio-visuellen Auseinandersetzungen.
Weiterführende Literatur/Beiträge:
-
Gilges, G. (2025). Schwangere Sexarbeiter*innen wahrnehmen – jenseits stereotypischer Deutungsmuster. Die Hebamme, 38(05), 278–282.
-
ProCoRe (2023): „Die Mutter, die Heilige und die Hure“. Sexarbeit und Mutterschaft. ProCore Jahresmagazin.
-
Döring, Nicola (2025): Sexarbeit und Elternschaft. Bericht über den 3. Fachtag der Fachberatungsstelle Allerd!ngs am 4. Oktober 2024 in Erfurt. in: Zeitschrift für Sexualforschung 38, 166–167.
Netzwerke:
[Leerstelle] Rassismus in der Geburtshilfe
Rassismus existiert auch im Gesundheitssystem und damit auch in der Geburtshilfe. Rassifizierte Menschen berichten von rassistischen Zuschreibungen und Diskriminierungen, etwa durch mangelnde Kommunikation, unzureichende Versorgung oder Missachtung ihrer Selbstbestimmung. Zu dieser Perspektive im Bereich Elternschaft fehlt es derzeit noch an empfehlenswerten deutschsprachigen audio-visuellen Auseinandersetzungen.
Weiterführende Literatur/Beiträge:
- Webinar-Dokumentation (2024, profamilia) "Rassismus in der Geburtshilfe und Geburtsgerechtigkeit"
- Onlineartikel (2025, Deutsche Aidshilfe) "Weniger Schmerzmittel, mehr Kaiserschnitte: Rassismus in der Geburtshilfe"
- Podcast (2022, Tonstudio) "Gender Medizin: Panel 'Rassismus in der Medizin'"
- NDR-Doku (2023) "Rassismus in der Medizin", 45 Min:
- Studie: „Rassismus und seine Symptome. Bericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors mit dem Schwerpunkt Gesundheit“ (2023)
Netzwerke:
-
Hebflexion Berlin: Reflexions und Intervisionsgruppe von Hebammen und werdenden Hebammen zu Machtverhältnissen, Diskriminierung und Rassismus in der Geburtshilfe. Kontakt: hebflexion@riseup.net, Instagram: @hebflexion_berlin.
-
Bundesfachnetz Gesundheit und Rassismus: bundesweites Netzwerk von Schwarzen, Indigenen und weiteren Expert*innen of Colour mit Fokus auf Rassismus im Gesundheitswesen, rassismussensible Versorgung sowie Aus und Fortbildung
Weiterführende Literatur
-
Broschüre Reproduktive Gerechtigkeit - Eine Einführung. vom Gunda-Werner-Insitut (2023)
-
Policy-Paper-Reihe Körper, Kinder, Kassensturz von Sevda Evcil und Alicia Schlender (2023–2024)
-
Mehr als Selbstbestimmung! Kämpfe für reproduktive Gerechtigkeit. von Kitchen Politics (2021)
-
Reproduktive Gerechtigkeit – Anknüpfungspunkte für Kämpfe um reproduktive Gerechtigkeit in Deutschland. von Susanne Schultz (2022)
-
Kämpfe verbinden. Reproductive Justice auf deutsche Verhältnisse übertragen. von Anthea Kyere (2021)
-
Warum wir von Reproduktiver Gerechtigkeit sprechen - ein Manifest. vom Netzwerk Reproduktive Gerechtigkeit (2022)
-
Liebe. Trotz. Widerstände. Ein intersektionaler Blick auf Familie. von Ellen Wagner (2025)
-
Atlas der Reproduktion: Babys, Grenzen, Geopolitik. von Laura Perler, Carolin Schurr und Mirko Winkel (2026)